Personenidentifizierung durch Augenzeugen

Augenzeugen gelten oft als notorisch unzuverlässig, weil es viele Faktoren gibt, die die Aussagen von Augenzeugen beeinflussen können, aber ist das wahr? Wenn man aus dem Gedächtnis über eine Person berichtet, kann es dazukommen, dass bestimmte Details vergessen und andere verwechselt werden (Wright, Memon, Skagerberg & Gabbert, 2009). Daher hat sich die Forschung auf verschiedene Faktoren konzentriert, die die Zuverlässigkeit von Augenzeugenidentifikationen beeinflussen können.

Schätzvariablen (estimator variables)

Die sogenannten Schätzvariablen liegen außerhalb der Kontrolle des Strafrechtssystems (Semmler, Dunn, Mickes & Wixted, 2018). Einige dieser Variablen sind selbsterklärend, da sie beeinflussen, wie gut Augenzeuge einen Täter betrachten konnte. Der Abstand zwischen dem/der Zeugen/in und dem/der Täter/in (Lindsay et al., 2008; Nyman et al., 2019), die Dauer, die der/die Zeuge/in in der Lage war, den/die Angreifer/in zu sehen (Carlson et al., 2016), die Verwendung von Verkleidungen (Papailiou, Yokum & Robertson, 2015), schlechte Beleuchtung (Nymnan et al., 2019a), und das Vorhandensein von Stress wirken sich alle negativ auf die Fähigkeit des/der Zeugen/in aus, alle definierbaren Merkmale des/der Angreifers/in zu sehen und zu speichern, was die Genauigkeit der Identifizierung verringert.

Dann gibt es spezifische Variablen, die eine Erklärung erfordern. Es gibt ein Phänomen, das als Ausländereffekt (own-race bias) bezeichnet wird. Dieser Variablen zufolge sind Augenzeugen bei der Identifizierung von Tätern, die ihrer eigenen ethnischen Gruppe angehören, genauer als bei einer anderen (Flaskerud, 2020). Zweitens gibt es den Waffenfokuseffekt (weapon focus effect) (Fawcett, Peace, & Greve, 2016). Hierbei handelt es sich um ein Phänomen, bei dem die Zeugen so sehr mit dem Vorhandensein einer Waffe beschäftigt sind, dass sie vergessen, den/die Täter/in zu betrachten.

Auch der zeitliche Abstand zwischen der Straftat und dem Zeugenbericht ist wichtig (Dauer des Behaltensintervalls), da das Gedächtnis mit der Zeit nachlässt. Dies wird auch durch verschiedene Studien bestätigt, die zeigten, dass die Genauigkeit der Augenzeugenidentifizierung mit zunehmender Länge des Behaltensintervalls abnimmt (z.B. Palmer et al. 2013; Read et al., 1998; Sauer et al., 2010). Augenzeugen sollten also so schnell wie möglich nach einer Tat befragt werden.

Und wie steht es mit der Zuversicht von Zeugen aus? Ist es auch ein guter Indikator für die Genauigkeit der Augenzeugenidentifikation? Diese Behauptung ist schwer zu untermauern, da bisher kein großer Konsens über diese Tatsache bestand. Untersuchungen legen zum Beispiel nahe, dass die meisten Zeugen zu zuversichtlich sind, während sie nur in 60 % der Fälle korrekt sind (Sauer, Brewer, Zweck & Weber, 2010). Damit Zuversichtsbewertungen die Genauigkeit vorhersagen können, ist es wichtig, die Umstände zu berücksichtigen, unter denen diese Bewertungen gemacht werden (Wixted, Read & Lindsay, 2016). In einem kontrollierten Umfeld, in dem die Bewertung die Zuversicht des Zeugen in die Aussage wirklich widerspiegelt, wie z.B. in Laboratorien, sind sie in der Tat korrekt. Im realen Leben könnte die Zuversicht des Zeugen jedoch durch externe Faktoren beeinflusst werden, die die Bewertungen verzerren. Zum Beispiel, wenn ihnen von einem anderen Zeugen versichert wird, dass sie denselben/dieselbe Täter/in gesehen haben.

System- oder Kontrollvariablen (system variables)

Die sogenannten System- oder Kontrollvariablen liegen in der Kontrolle des Rechtssystems, meistens bei der Polizei. Bei der polizeilichen Gegenüberstellung wird einem/er Zeugen/in ein/e Verdächtige/r zusammen mit anderen Personen präsentiert, die mit Sicherheit unschuldig sind und dem/der Verdächtigen ähneln. Dies kann in Form von Fotos, Videos oder persönlichen Gegenüberstellungen geschehen und gleichzeitig oder nacheinander passieren. Auch hier haben viele Studien versucht, für einen der beiden Ansätze zu plädieren, aber die Ergebnisse sind nicht eindeutig. Die jüngste Studie von Seale-Carlisle, Wetmore, Flowe und Mickes (2019) fand heraus, dass in der Praxis die Verwendung gleichzeitiger Aufstellungen zu besseren Ergebnissen führte, sowohl bei der Identifizierung des/der Täters/in als auch bei der Nicht-Identifizierung einer unschuldigen Person, aber diese Ergebnisse müssen erst noch weiter untersucht werden.

Abgesehen davon gibt es bei einer polizeilichen Gegenüberstellung mehrere Probleme. Manchmal hebt sich der/die Verdächtige von den anderen ab, weil sie einander nicht ähneln, wie es bei der Gegenüberstellung von Leonard Callace der Fall war. Er erschien mit einem Vollbart unter fünf anderen Personen, die nur Schnurrbärte hatten (Colloff, Wade & Strange, 2016). Alternativ könnte sich ein/e Zeuge/in unter Druck gesetzt fühlen, eine Person zu wählen, obwohl er/sie nicht erkennt oder sich in seiner/ihrer Entscheidung nicht sicher fühlt. So kann es dazukommen, dass ein/e Zeuge/in angibt welche Person dem/der Täter/in am ähnlichsten ist, anstatt diesen aus dem Gedächtnis zu identifizieren, um der Polizei zu gefallen. Dies ist besonders nachteilig, wenn die Polizei unterstützende Rückmeldungen gibt.

Zahlreiche Studien haben den Einfluss von Rückmeldungen der Polizei bei Gegenüberstellungen untersucht und festgestellt, dass Zeugen leicht beeinflusst werden können (Greenspan & Loftus, 2020). Wenn die Polizei eine Rückmeldung gibt, verändert sich die Zuversicht der Zeugen erheblich und spiegelt nicht mehr die wahre Zuversicht des/der Zeugen/in wieder. Natürlich führt dies, wie man sich vorstellen kann, zu Zeugen, die sehr zuversichtlich sind, aber falsche Identifikationen liefern, oder zu unsicheren Zeugen, die durchaus in der Lage sind, ihren Angreifer zu identifizieren. Um verlässliche Zeugen zu erhalten, sollte daher das Feedback der Polizei eingeschränkt werden.

Augenzeugenberichte stellen einen wichtigen Teil der Aufklärungsarbeit von Verbrechen dar, aber es sollten beeinflussende Faktoren bei der Zuverlässigkeit geprüft werden.

Literatur

  • Carlson, C. A., Young, D. F., Weatherford, D. R., Carlson, M. A., Bednarz, J. E., & Jones, A. R. (2016). The influence of perpetrator exposure time and weapon presence/timing on eyewitness confidence and accuracy. Applied Cognitive Psychology30(6), 898-910.
  • Colloff, M. F., Wade, K. A., & Strange, D. (2016). Unfair lineups make witnesses more likely to confuse innocent and guilty suspects. Psychological Science27(9), 1227-1239.
  • Fawcett, J. M., Peace, K. A., & Greve, A. (2016). Looking down the barrel of a gun: What do we know about the weapon focus effect?. Journal of Applied Research in Memory and Cognition5(3), 257-263.
  • Flaskerud, J. H. (2020). Faces: Identification and Biases. Issues in mental health nursing41(2), 168-171.
  • Greenspan, R. L., & Loftus, E. F. (2020). Eyewitness confidence malleability: Misinformation as post-identification feedback. Law and Human Behavior44(3), 194.
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  • Nyman, T. J., Lampinen, J. M., Antfolk, J., Korkman, J., & Santtila, P. (2019). The distance threshold of reliable eyewitness identification. Law and Human Behavior.
  • Papailiou, A. P., Yokum, D. V., & Robertson, C. T. (2015). The novel New Jersey eyewitness instruction induces skepticism but not sensitivity. PLoS One, 10(12), e0142695. http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone .0142695
  • Sauer, J., Brewer, N., Zweck, T., & Weber, N. (2010). The effect of reten- tion interval on the confidence–accuracy relationship for eyewitness identification. Law and Human Behavior,
  • Seale-Carlisle, T. M., Wetmore, S. A., Flowe, H. D., & Mickes, L. (2019). Designing police lineups to maximize memory performance. Journal of Experimental Psychology: Applied.
  • Semmler, C., Dunn, J., Mickes, L., & Wixted, J. T. (2018). The role of estimator variables in eyewitness identification. Journal of Experimental Psychology: Applied24(3), 400.
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  • Wright, D. B., Memon, A., Skagerberg, E. M., & Gabbert, F. (2009). When eyewitnesses talk. Current Directions in Psychological Science18(3), 174-178.