Falsche Erinnerungen (Pseudoerinnerungen)

Falsche Erinnerungen oder Pseudoerinnerungen sind Erinnerungen an Erlebnisse, die subjektiv für wahr gehalten werden, obwohl sie objektiv entweder gar nicht oder zumindest nicht auf die erinnerte Weise stattgefunden haben. Solche Erinnerungen können sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen vorkommen und kommen aufgrund von suggestiven Prozessen zustande. In zahlreichen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass falsche Erinnerungen sogar für persönlich bedeutsame und belastende Ereignisse vorkommen können (vgl. z.B. Erdmann, 2001; Loftus & Pickrell, 1995). Um zu überprüfen, ob eine Person eine falsche Erinnerung hat, ist es vorrangig wichtig die Aussageentstehung zu betrachten um mögliche suggestive Beeinflussungen zu erkennen. Bei realen Fällen von falschen Erinnerungen handelt es sich oft um Erinnerungen und Bekundungen zu sexuellem Missbrauch (vgl. z.B. Wormser Prozesse, Montessori Prozess).

Falsche Erinnerungen von Kindern zeichnen sich typischerweise dadurch aus, dass der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs nicht durch eine Bekundung des Kindes entsteht, sondern durch eine Ausdeutung und Interpretation von ‚Signalen‘ durch das Umfeld des Kindes zustande kommt (z.B. ‚Verhaltensauffälligkeiten‘, Kinderzeichnungen). Wobei hier beachtet werden muss, dass es kein spezifisches sexuelles Missbrauchssyndrom gibt (Kendall-Tackett, Williams, & Finkelhor, 1993), weshalb eine Interpretation von unspezifischen Verhaltensweisen nicht zwangsläufig auf einen sexuellen Missbrauch hinweist, sondern auch andere Ursachen haben kann. Aufgrund eines Anfangsverdachts kann es dazukommen, dass Befragungen von Kindern durchgeführt werden, in denen auch suggestive Techniken angewendet werden. Zu suggestiven Techniken zählen beispielsweise selektive Verstärkungen von erwünschten und erwartungskonformen Antworten (z.B. durch Lob, Kopfnicken, …), Induzierung eines negativen Stereotyps (z.B. „Der hat auch anderen Kindern wehgetan.“) und indirekte Vorgaben von spezifischen Informationen (z.B. „Und dann hat er dich an der Brust angefasst, nicht wahr?“). Suggestive Befragungen zeichnen sich zusätzlich durch eine Voreinstellung des Befragers aus. Diese Voreinstellung ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass a-priori Annahmen bestehen, dass etwas geschehen ist (z.B. der sexuelle Missbrauch) und dass die Befragung auf die Bestätigung der Annahme orientiert ist (vgl. Niehaus, Volbert, & Fegert, 2017). Dadurch kommt es dazu, dass der Befrager hauptsächlich Informationen sammelt, die die a-priori Annahme bestätigen. Widersprüchliche Informationen werden nicht beachtet bzw. uminterpretiert (z.B. Wenn das Kind schweigt, dann ist es noch nicht bereit über den Missbrauch zu sprechen). Beim Kind können solche suggestiven Befragungen dazu führen, dass der Wunsch entsteht die Erwartungen des befragenden Erwachsenen zu erfüllen. Kinder haben außerdem gelernt, dass Erwachsene in der Regel mehr wissen, so dass Vorgaben Erwachsener schnell plausibel erscheinen können auch wenn keine Erinnerung vorhanden ist (Greuel et al., 1998).

Fremdsuggestive Prozesse, die zu falschen Erinnerungen bei Jugendlichen und Erwachsenen führen können, unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Prozessen bei Kindern. Ein wesentlicher Unterschied ist hier, dass ein bestimmter Sachverhalt explizit an die Personen herangetragen und mit diesen beispielsweise im Rahmen einer Therapie erörtert wird, da davon ausgegangen wird, dass Erlebnisse aufgrund von Verdrängung oder Dissoziation nicht erinnert werden können (Volbert, 2010). Meist steht am Anfang eines solchen Prozesses ein schlechter psychischer Zustand einer Person (z.B. depressive Verstimmungen, Angstsymptomatik), die nach Erklärungen hierfür sucht. Beispielsweise kann es dann in Therapien oder durch das Umfeld dazukommen, dass diese Symptome vorschnell als Folge eines früheren sexuellen Missbrauchs bewertet werden und zu einer Voreinstellung führen. Unter Umständen kann es daraufhin dazukommen, dass suggestive therapeutische Techniken angewendet werden (z.B. Hypnose, Traumdeutungen, Visualisierungstechniken) und die Person aufgefordert wird sich auf die Suche nach vermeintlichen Erlebnissen zu begeben. Wenn aufkommende Bilder unkritisch als wahre Erinnerungen an Erlebnisse akzeptiert werden, kann es zur Ausbildung falscher Erinnerungen kommen. Nicht nur fremdsuggestive Prozesse können zur Ausbildung falscher Erinnerungen führen, sondern auch autosuggestive Prozesse (z.B. intensive Beschäftigung mit der Thematik, Austausch in Internetforen). Falsche Erinnerungen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie zuvor nicht erinnert wurden. Dies wird in solchen Fällen häufig dadurch erklärt, dass traumatische Erlebnisse verdrängt oder dissoziiert werden (Volbert, 2010). Dies steht jedoch im Widerspruch zu zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die belegen, dass persönlich bedeutsame und traumatische Erlebnisse üblicherweise gut erinnert werden (vgl. Volbert, 2011).

Literatur

  • Erdmann, K. (2001). Induktion von Pseudoerinnerungen bei Kindern: Möglichkeiten und Grenzen aussagepsychologischer Diagnostik bei suggerierten Aussagen (Dissertation). Abgerufen unter https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/944
  • Greuel, L., Offe, S., Fabian, A., Wetzels, P., Fabian, T., Offe, H., & Stadler, M. (1998). Glaubhaftigkeit der Zeugenaussagen. Theorie und Praxis der forensisch-psychologischen Begutachtung. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union.
  • Kendall-Tackett, K. A., Williams, L. M., & Finkelhor, D. (1993). Impact of sexual abuse on children: a review and synthesis of recent empirical studies. Psychological Bulletin113, 164-180. doi:10.1037/0033-2909.113.1.164
  • Loftus, E. F., & Pickrell, J. E. (1995). The formation of false memories. Psychiatric Annals25, 720-725. doi:10.3928/0048-5713-19951201-07
  • Niehaus, S., Volbert, R., & Fegert, J. M. (2017). Entwicklungsgerechte Befragung von Kindern in Strafverfahren. Berlin: Springer.
  • Volbert, R. (2010). Aussagepsychologische Begutachtung. In R. Volbert, & K.-P. Dahle (Hrsg.). Forensisch-psychologische Diagnostik im Strafverfahren (S. 18-66). Göttingen: Hogrefe-Verlag
  • Volbert, R. (2011). Aussagen über traumatische Erlebnisse. Spezielle Erinnerung? Spezielle Begutachtung? Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 5, 18-31. doi:10.1007/s11757-010-0090-3